Geschichte der Gemeinde

Anfänge

In seiner Darstellung der Geschichte der evangelischen Gemeinde Heßler beginnt der Heimatforscher Gustav Griese erst mit dem Ende des 19.Jahrhunderts, denn „die evangelische Gemeinde Heßler ist keine selbständige Kirchengemeinde, sondern seit jeher ein Glied der seit der Reformation bestehenden evangelischen Gemeinde Gelsenkirchen.“ (1)

Tatsächlich erlangte die Gemeinde erst nach etlichen fehlgeschlagenen Verselbständigungsversuchen zum 1.1.1989 ihre kirchenrechtliche Eigenständigkeit. Die Spuren der Christenmenschen in Heßler reichen freilich weit zurück.

Die Christianisierung unserer Gegend ist eine spannende, wenngleich in vielen Details heute kaum noch zu rekonstruierende Geschichte. Im unruhigen, von immer neuen kriegerischen Auseinandersetzungen betroffenen Grenzland zwischen Franken und Sachsen wird man eine „planmäßige“ Ausbreitung des Christentums in unseren Landen erst nach der Unterwerfung der Sachsen und der Vereinigung zum fränkischen Reich unter Karl dem Großen annehmen dürfen.

Zum Schutz des wichtigen Hellwegs hatten die Franken eine Burg in Essen errichtet. Auf dieser Burg ließ Bischof Altfried von Hildesheim in der Zeit von 852 bis 870 eine Kirche bauen. Dieses Marienmünster des Essener Frauenstifts wurde der Ausgangspunkt für die Ausbreitung des Christentums und für die Gründung kleinerer Stiftskirchen in Essen (St. Gertrud), in Steele, Stoppenberg, Borbeck und eben auch in Gelsenkirchen. 

Die zu verschiedenen Oberhöfen des Frauenstifts Essen gehörenden Bauernschaften Heßler und Schalke (Oberhof Nienhausen), Gelsenkirchen (Oberhof Brockhof) und Rotthausen, bildeten mit dem Ophof in Schonnebeck, dem Schultenhof in Bulmke und dem Eickwinkel-Kotten in Altenessen das Kirchspiel Gelsenkirchen mit der St.-Georgs-Kirche, die wohl um das Jahr 1000 gegründet wurde. 

Es war vermutlich ein große Erleichterung auch für die Gläubigen in Heßler, mit dem Bau der Georgskirche nun nicht mehr den kaum zu bewältigenden Weg zu den beiden einzigen Kirchen in Essen und Werden pilgern zu müssen.

Georgskirche

Georgskirche

Die alte Georgskirche in Gelsenkirchen war dem heiligen Georg gewidmet. Die fromme Legende von Georg (um 303 unter Diokletian als Märtyrer gestorben) besagt, daß dieser Ritter sein ganzes Leben gegen den Drachen, also das Schlechte und Böse, gekämpft habe. 

Die Gemeindechronik vermerkt dazu: „Durch die Jahrhunderte hindurch wurde besonders in Gelsenkirchen das Vorbild dieses frommen Mannes gewahrt…. Am Georgstag (23. April) wurden in und für Gelsenkirchen wichtige Urkunden ausgestellt und Verträge abgeschlossen, die sich mit kirchlichen Angelegenheiten befaßten.“ (2)  

Und auch auf der alten aus der Georgskirche bis heute erhaltenen Glocke vom Jahr 1320 (im Volksmund: Dicker Georg) ist St. Georg als Drachentöter und Ritter abgebildet. Sie hängt seit 1923 im Turm der Neustadtkirche.

In einer Festschrift zur Reformationsfeier 1917 schreibt im Ton der Zeit Hans Georg Schmidt, Pastor in Bismarck: „So gingen die Geschlechter dahin, und ihr Leben und Sterben begleitete für Evangelische und Katholische das Läuten der alten Georgsglocke…“ (3)

Das mag für unsere Ohren heute vielleicht ein wenig pathetisch klingen, doch Pastor Schmidt hat recht. Denn tatsächlich bot die Georgskirche mit ihrer in es’ gestimmten Glocke den evangelischen und katholischen Menschen im Kirchspiel gleichermaßen eine Heimat. Und das nicht etwa nur hintereinander – erst den Katholischen und nach der Reformation den Evangelischen, nein beiden zugleich - simultan! 

Reformation

Auch die genauen Vorgänge und Umstände der Reformation in Gelsenkirchen lassen sich nur schwer rekonstruieren, vieles bleibt im Dunkel. Sicher ist, daß es vergleichsweise spät zur Reformation im Kirchspiel Gelsenkirchen kam.

Martin Luther hatte am 31. Oktober 1517 seine berühmten 95 Thesen an die Schloßkirche zu Wittenberg geschlagen und damit zu einer akademischen Disputation über den Sinn und Wert des Ablaßhandels aufgefordert. Doch erst nach Luthers Tod 1546 finden sich die ersten Spuren einer reformatorischen Verbreitung in Gelsenkirchen.

Heinrich Knipping, der am 12. September 1541 vom Landesherrn mit Haus Grimberg belehnt wurde, hing wohl der „Neuen evangelischen Lehre“ an, als er sich 1548 mit Sibilla von Nesselrode zu Stein und Herten vermählte.

„Die von ihm auf dem Schloßplatz von Grimberg für die Schloßherrschaft und die Insassen des 1560 gegründeten Armenhauses ‚auf dem Bleck’ errichtete Kapelle ließ er mit einem lutherischen Vikar besetzen. Der Altar in der heutigen Bleckkirche in Bismarck, den im Jahre 1574 – versehen mit einer Darstellung des heiligen Abendmahls und den Einsetzungs-worten des heiligen Abendmahls in plattdeutscher Sprache – Knipping in dieser Kapelle errichten ließ, zeugt heute noch von dem ersten Adeligen in der Nachbarschaft von Gelsenkirchen, der sich zur Lehre Luthers bekannte.“ (4) 

Wer der erste lutherische Pastor an der Georgskirche war, ist umstritten. Ob Pastor Heinrich Keilmann (etwa 1598 -1615) noch katholisch oder bereits evangelisch, sprich lutherisch war, darüber streiten sich die Gelehrten. Wahrscheinlich wußte er es selber nicht! Denn das war in den umstürzenden, aufregenden Jahren dieser Zeit gar nicht so einfach.

Nach Pastor Keilmanns Tod kommt es zu Streitigkeiten in der Frage der Pfarrstellenbesetzung an der Georgskirche. Die Äbtissin von Essen behauptet dieses Recht für sich und setzt den altgläubigen Priester Martin Kracht ein. Dagegen beschweren sich die Evangelischen bei der Landesregierung (seit 1609 Brandenburg, an das die Grafschaft Mark nach Aussterben des herzoglichen Hauses in Kleve gekommen war).

„An diesen Kämpfen ist für uns von Bedeutung zu sehen, daß sich die Reformation in Gelsenkirchen – wie in der Mark überhaupt – von unten, von der Gemeinde her vollzogen hat. In den meisten deutschen Landen war das ja anders gewesen: Der jeweilige Landesherr, sofern er evangelisch war, sorgte für Einführung und Durchführung der Reformation durch staatliche Maßnahmen, eben von oben.

In der Mark – und auch am Niederrhein – ist jedoch das reichsrechtliche Prinzip von 1555: cuius regio, eius religio ( = der Landesherr bestimmt die Religion seiner Untertanen) nie konsequent durchgeführt worden. Das lag an der wechselvollen Geschichte und an der schwankenden Haltung der jeweils Herrschenden in unserem Raum.“ (5)

Das Leid der Menschen in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) können an Hand der Zahlen des dramatischen Bevölkerungs-rückganges nur unzureichend erahnt werden: Nachdem in Heßler 1598 noch 31 Höfe urkundlich erwähnt werden, so sind es 1664 nur noch 11. 

Im gesamten Kirchspiel Gelsenkirchen zählte man um diese Zeit etwa 1000 evangelische und 500 katholische Menschen.

Erst viele Jahre nach dem sog. Westfälischen Frieden kommt es zu endgültigen Regelungen über den kirchlichen Besitz: Nach dem Religionsvergleich vom 6. 5.1672 erhalten die Katholiken die Kapelle auf Schloß Grimberg und die Kirche in Wattenscheid. Den Evangelischen werden die Kapelle auf dem Bleck, die Kirchen in Wanne-Eickel und die Georgskirche in Gelsenkirchen zugesprochen. 

Die Georgskirche aber sollte auch von Katholiken zum Gottesdienst genutzt werden dürfen: Das Simultaneum entstand und hielt, wenngleich mit vielen Streitigkeiten bis 1843.

Gemeindebezirk Heßler

Seine Darstellung der Geschichte der evangelischen Gemeinde Heßler eröffnet Gustav Griese mit den Worten: „Jahrhundertelang pilgerten die Evangelischen Heßlers an Sonn- und Feiertagen zu dem alten Georgs-kirchlein in Gelsenkirchen. Dort wurden sie getauft, konfirmiert und getraut, und auf dem dortigen Friedhof bettete man sie zur letzten Ruhe.“ (6)
Gleiches galt für die Evangelischen in Schalke, Rotthausen und Bulmke.

Doch mit dem sprunghaften Ansteigen der Bevölkerung im Zuge der Industrialisierung, in Heßler natürlich vor allem durch den Bergbau (im Februar 1856 begann man mit dem Abteufen des Schachtes 1 der Zeche „Wilhelmine-Viktoria“), wuchsen auch die einzelnen Bauerschaften und strebten nach mehr Selbständigkeit: 1879 trennte sich Schalke von Gelsenkirchen und wurde zur selbständigen Kirchengemeinde, 1894 Rotthausen und 1907 Bulmke. 

Allein die Bezirke Altstadt, Neustadt und Heßler verblieben als ursprüng-liche Kirchengemeinde. Geografisch trennte die neue Kirchengemeinde Schalke den Gemeindebezirk Heßler von Altstadt und Neustadt, so daß Heßler nun isoliert als ausgelagerte Dependenz der Gesamtgemeinde dastand.

Dieser Umstand führte vor allem in der Zeit von 1890 bis 1899 zu langen Auseinandersetzungen. So heißt es etwa im Protokoll der Kirchengemein-de vom 17.10.1890: „Presbyterium lehnt das Ansinnen von Gemeinde-gliedern aus Heßler, daß dort sonntäglich Gottesdienste in dazu geeigneten oder besonders gebauten Lokalen gehalten werden, als unausführbar ab.“ 

Der Betsaal

Betsaal an der Kanzlerstraße

Als Reaktion gründete sich am 18.6.1892 unter Führung von Lehrer Siekmann der Betsaalverein mit dem Ziel, auch gegen den Willen des Presbyteriums eine eigene Gottes-dienststätte in Heßler zu errichten.

100 Ruten Land stellte kostenlos Herr Grollmann zur Verfügung, ein Darlehen von 10000 Mark zu 3% Zinsen Herr Schalke. Man richtete eine Bittschrift an den Aufsichtsrat der Zeche Wilhelmine Viktoria um 300 Mark jährlichen Zuschuß und sammelte für die Inneneinrichtung des Betsaals bei den Gemeindegliedern. 

Den mit dem eigenmächtigen Bau des Betsaals an der Kanzlerstraße geschaffenen Fakten konnte sich auch das Presbyterium letztlich nicht länger entziehen: Mit dem Beschluß vom 1.10.1893 gab das Presbyte-rium nach und anerkannte die neue Situation, nicht ohne deutliche Bedingungen und Einschränkungen. Im Presbyteriumsbeschluß heißt es dazu:

„Die Mitglieder der Gemeinde Heßler hatten schon lange den Wunsch, daß Gottes Wort in ihrer Mitte verkündigt und den Alten und Schwachen Gelegenheit gegeben werde, sonntäglich Gottes Wort zu hören. Um das möglich zu machen, haben sie mit freiwilligen Beiträgen durch anerken-nenswerte Opferfreudigkeit des Landwirts Schalke in Heßler einen Betsaal gebaut, der 500 Personen faßt und würdig ausgestattet ist. Die drei Pfarrer haben sich bereit erklärt, sonntäglich in diesem Betsaal Gottesdienst abzuhalten, jedoch unter der Bedingung, daß ihnen von den Gemeindemitgliedern ein Wagen zur Hin- und Rückfahrt gestellt wird. Zur Aufbringung der Kosten für den Wagen, für Küster, Organisten und Heizung wünschen die Gemeindemitglieder in Heßler die sonntäglichen Sammlungen im Klingelbeutel zu behalten. Sie verpflichten sich, aus diesen Sammlungen auch die Armen in Heßler zu versorgen und von dem Anfang der Gottesdienste in Heßler an keinen Anspruch mehr auf die Klingelbeutelgelder in Gelsenkirchen zu machen. Presbyterium gibt zu diesen Anträgen seine Zustimmung.“

So konnte am 5.11.1893 der Betsaal feierlich eingeweiht werden.
1896 folgte die Gründung des Kirchenchores durch Lehrer Siekmann.
1898 konstituierte sich der Evangelische Arbeiterverein. 

Der eigene Pfarrer

Pfr. Mittorp

Auch der Kampf um einen eigenen Pfarrer für Heßler ist in den Protokollen der Gemeinde gut dokumentiert. Die harsche Ablehnung der Bitte um Überlassung eines ordinierten Geistlichen mit Wohn- und Dienstsitz in Heßler läßt die Schärfe der Auseinandersetzungen erahnen.

Protokoll der Kirchengemeinde 26.9.1895:

„Dem Kirchenvorstand in Heßler wird geantwortet: So schwer es uns wird, auf die Eingabe des 3. d. M. eine ihnen unerwünschte Antwort zu geben, so halten wir es für unsere Pflicht, volle Klarheit zu schaffen. Kurz gesagt, geht Heßlers Wunsch am letzten darauf hinaus, daß es alles bekommt, was ein Pfarrort hat, aber auf Kosten der Gesamtgemeinde. Diese denkt nicht an Zustimmung. Will Heßler eine selbständige Kirchen-gemeinde werden, so muß es sich von Gelsenkirchen trennen und die nötigen Aufwendungen selbst machen. Die Muttergemeinde täte schon viel, wenn sie die Loslösung ohne Entschädigung zugäbe. Sie würde immer kleiner und behielte die ungeheuren auf der Kirche, dem Krankenhause und dem neuen Gottesacker liegenden Schulden. 

Die von ihnen dargelegten Gründe fallen nicht schwer ins Gewicht. Der dortige Betsaal ist unbedingt nicht mehr als eine halbe Stunde entfernt (gemeint ist von Gelsenkirchen), der Weg ist gepflastert. Wenn alle Kommunikanten und Konfirmanden nicht weiter zu gehen und nicht schlechtere Wege hätten, so würden unzählige sich freuen. Daß die Heßlersche Jugend besonders zu Unfug neigt, können wir nicht glauben. Reibereien entstehen mitunter auch zwischen Schülern verschiedener Konfession an einem Ort oder zwischen verschiedenen Stadtteilen. Daß die Evangelischen nach Gelsenkirchen zur Kommunion kommen, ist aus inneren Gründen nötig, solange der jetzige Patriarchalverband besteht.“

Die folgenden Ereignisse seien hier nur stichwortartig wiedergegeben: Eine Delegation von Bauern aus Heßler fuhr nach Münster zum Generalsuperintendenten Dr. Weber; dieser ließ verlauten, man könne seitens der Kirchenleitung keinen Druck auf das Presbyterium ausüben (!); eine eindringliche Bittschrift um Gründung und Finanzierung einer Pfarrstelle in Heßler wurde verfaßt; die Antwort des Presbyteriums lautete knapp: „Auf den Antrag Heßlers, dort einen vierten Pfarrer der Gesamt-gemeinde anzustellen, wird mit einem glatten und entschiedenen Nein geantwortet und der Betsaalverein gebeten, das Gesuch weil aussichtslos, nicht mehr zu erneuern.“

Am 14.3.1898 erörterte man in der Sitzung des Presbyteriums wieder einmal die Bedingungen zu Abtrennung und Verselbständigung des Gemeindebezirks Heßler; bei der Trennung von der Muttergemeinde wollte man 25000 Mark Abfindung zahlen; dies hielt man in Heßler für unannehmbar.

1899 lenkte die Gemeindeleitung ein und beantragte eine fünfte Pfarrstelle nun für Heßler, und so konnte am 1.1.1900 Hilfsprediger Mittorp als Pfarrer feierlich im Betsaal eingeführt werden.

Sein Sohn, Hans-Dietrich Mittorp, charakterisierte seinen Vater später so: „Mein Vater war in seinen Charakterzügen westfälisch geprägt. In Rede und Gestik eher verhalten, fühlte er sich in absoluter Treue seinem Volk, seiner Kirche und seiner Familie verpflichtet. In der Gemeinde versuchte er, den noch in bäuerlichen Grundstrukturen verhafteten Gemeindekern mit den aus dem Osten in das Industriegebiet einströmenden Einwanderern zu verbinden.
In seinen ersten Jahren soll er im Unterricht häufig eine Wendung gebraucht haben, die mich betraf: ‚Das versteht mein kleiner Hans sogar.’ …

Das Arbeitszimmer meines Vaters war durch eine große Glastür von den eigentlichen Wohnräumen getrennt, und wir waren angehalten, sie jeweils sorgfältig zu schließen, um alle Störungen für meinen Vater zu vermeiden. Meine Mutter hatte gerade eine neue Hilfe und versuchte ihr klarzumachen, daß am Samstagmorgen, wegen der Predigtvorbereitung, besonders auf diese Regel geachtet werden müsse. ‚Wieso Predigt-vorbereitung, Frau Paster’, war Linas etwas ungläubige Antwort: ’Ich dachte, Ihr Mann hätte studiert!’“ (7) 

Auf dem Weg zur eigenen Kirche

Architekt Fritsche

Zu Beginn des vergangenen Jahr-hunderts plante die Stadtverwaltung, einen Markplatz im Stadtteil Heßler zu errichten und bot der Kirchen-gemeinde das dahinterliegende Grundstück zum Preis von 7000 Mark zum Kauf an. Auch wenn die Leitung der Kirchengemeinde Gelsenkirchen noch nicht an den Bau einer Kirche im Bezirk Heßler dachte, so tätigte sie dennoch diesen Kauf.

Bei den Menschen in Heßler hingegen bestand seit längerem der Wunsch, den alten Betsaal an der Kanzlerstraße durch eine eigene Kirche zu ersetzen. Durch den Verkauf des Friedhofes an die Stadt und die Arbeit eines Kirchbauvereins konnten schließlich 160000 Mark für den Kirchbau bereitgestellt werden.

Die Planung und Bauleitung wurde dem Architekten Fritsche aus Elberfeld übertragen, der auch den Bau der Kirche in der Neustadt verantwortete. 

Die ersten Entwürfe des Architekten stießen allerdings auf wenig Gegenliebe bei den zuständigen Gremien, ja erregten geradezu öffentlichen Anstoß: Man hielt den Kirchturm für viel zu niedrig! Ein Chronist hielt die zähen Verhandlungen fest: „Der Baumeister wurde darum aufgefordert, eine Erhöhung des Turmes vorzunehmen. Er sträubte sich jedoch dagegen.“ (8) Daraufhin unterbreitete der Architekt einen Entwurf, der auf dem Turm zwei Kupferspitzen vorsah. Auch dieser Vorschlag wurde abgelehnt. Statt der teuren Kupferspitzen sollte der Kirchturm um zwei Meter erhöht werden. Der modern anmutende Entwurf des Architekten, den Konfirmandensaal mit in die Kirche einzubauen, fand ebenfalls keine Zustimmung. Nach langen Diskussionen und zähen Verhandlungen einigte man sich schließlich auf einen Entwurf.

Fertigstellung der Kirche

Postkarte der Kirche von 1911

Altarraum der alten Kirche

Am 9. Oktober 1910 fand die feierliche Grundsteinlegung statt. Die Urkunde schloß mit den Worten: „Gott schütze den Bau und gebe der Gemeinde die Gnade, daß auch in diesem Gotteshause nie etwas anderes gepredigt werde, als allein das Evangelium von der freien Gnade Gottes in Christo Jesu, seinem eingeborenen Sohn, unserem ewigen Mittler, Heiland und Erlöser.
1. Korinther 3,11: Einen anderen Grund kann niemand legen außer dem der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus, Amen. Gelsenkirchen, den 9. Oktober 1910.“

In einen Zeitdokument heißt es: „Gegen Ende des Jahres 1911 war die Kirche fertiggestellt. Wuchtig, mit breitem, trotzigem Turm, stand sie nun am Marktplatz, ein Sinnbild der alten Bauerngeschlechter und Bergarbeiterstämme Heßlers. Trotz ihrer Massenhaftigkeit erschien sie klein am leeren Marktplatz, und niemand vermutete den großen Innenraum, der tausend Sitzplätze und ein geräumiges Chor besaß, den Altar in der Mitte mit Umgang und oberer Fenstergalerie, seitlicher Kanzel und Taufstein. Alle drei Stücke waren aus Muschelkalk, so das Wuchtige des Äußeren ins Innere tragend. Im Rücken der Gemeinde, auf der Empore, fand die Orgel Aufstellung. Von der Kuppel herab grüßten die Sternbilder, große Deckengewölbe leiteten über zu den Querschiffenstern mit reichem figürlichem Schmuck aus dem Leben Christi.“ (9) 

Bereits am 8. Dezember 1911 wurde die Kirche ihrer Bestimmung übergeben: Ein großer Festzug nahm seinen Weg vom Betsaal durch die fahnengeschmückten Straßen zur neuen Kirche und feierte unter Mitwirkung von Generalsuperintendent Dr. Zöllner den ersten Gottesdienst in der neuen Kirche.

Drei große Bronzeglocken wurden durch die Glockengießerei F. W. Rinker 1909 in Nassau gegossen. Sie wogen 2850 kg, 1623 kg und 1009 kg. Je eine der Glocken wurden gestiftet von: 1. Familie Wilhelm Terkamp, Heinrich Ter-Nedden, Heinrich Große-Grollmann und Frau Westermann; 2. Eheleute Schalke; 3. Familie Lehrhove. Die Inschriften lauteten: 1. Ehre sei Gott in der Höhe; 2. Er ist unser Friede; 3. Trachtet nach dem, was droben ist.

Am Morgen des 8. Dezember 1911 läuteten diese Glocken zum ersten Mal: „Mit Glockengeläut wurde der festliche Tag morgens begrüßt. Wenn der Himmel auch zeitweilig seine Schleusen öffnete, so herrschte doch im Herzen der Heßleraner eitel Freude und Wonne. Ihr Streben, ihr Hoffen, endlich war es von Erfolg gekrönt worden.“ (10) 

Krieg und Nachkriegszeit

Die zerstörte Kirche 1945

Manuskript der Predigt von Pfr. Edelhoff

Der alte Taufstein

Diese „eitel Freude und Wonne“ hielt freilich nicht lange an. Am 3. Juli 1917 mussten zwei der drei Bronzeglocken „für Kriegszwecke“ abgeliefert werden.
Dabei empfand wohl niemand den Widerspruch zwischen der Inschrift der zweiten Glocke („Er ist unser Friede“) und dem kriegerischen Verwendungszweck. 

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Kirche mit Ausnahme des Kirchturms, wie auch das 1904 eingeweihte „Vereinshaus“ völlig zerstört. Nur die 1900 geschaffene „Kleinkinderschule" konnte „durch den todesverachtenden Einsatz von Frauen“ (11) gerettet werden.

In seiner Predigt zur Einweihung des neuen Kirchsaales im Gemeindehaus am 4. Advent 1948 erinnerte Pastor Edelhoff eindringlich an diese Zeit:
„Wir haben allen Anlaß, Buße zu tun, Gottes Güte beschämt doch in dieser Stunde. Wir sind ihrer nicht wert. Wir müssen erst einmal alle unser bisheriges Elend als Gottes Gericht und Strafe erkennen lernen. Elend heißt ja letztlich: Gottesferne und Trennung von Gott.
Ein ganz kleines, scheinbar belangloses, aber doch so bezeichnendes und schwerwiegendes Ereignis aus dem Jahre 1934 möchte ich uns allen ins Gedächtnis zurückrufen. … 
Ich hatte in einer Predigt das Wort eines führenden Menschen der damaligen Weltanschauung angegriffen. Er hatte das Wort von dem Gestern und Heute und in Ewigkeit demselben auf die damals noch herrschende Ewigkeit bezogen. Als ich dann sagte: das könne und dürfe man nicht, dies Wort sei nur auf den König aller Könige zu beziehen – da verließen mit großem Gekrache und Gepolter eine ganze Reihe von SA-Leuten unser Gotteshaus. … 
Wir mögen es vergessen haben, aber Gott hat es nicht vergessen. Da fing das Elend an, die Gottesferne, der Jammer, als Menschen aus unserer großen schönen Kirche ins Aus marschierten. … 
Wo man das wahre Evangelium herausreißt aus der Kirche, wo man es nicht hören will, da folgt nur noch das Gericht Gottes.“ (12)

Der Wiederaufbau der Kirche erfolgte 1955 in deutlich schlichterer Ausführung unter der Leitung von Architekt Rank.
Die Kirchenfenster wurden nach Entwürfen des Glasmalers Karl Hellwig (1911-96) gefertigt.

Im Gemeindebrief zur Einweihung am 18. September 1955 heißt es dazu: „Leider war das Innere so zerstört, daß wir von der einst so schönen, wenngleich freilich aus einem ganz anderen Zeitgefühl gestalteten Innenausstattung bei all unseren Bemühungen nur die tragenden Säulen der Empore und als ein Stück schmerzerfüllten Gedenkens den Taufstein in die erneuerte Kirche übernehmen konnten.“

Verselbständigung

Der renovierte Kirchturm heute

Zum 1.1.1989 konnte ein langer Verselbständigungsprozess erfolgreich abgeschlossenen werden, und die nun eigenständige Kirchengemeinde Gelsenkirchen-Heßler wurde zur 22. Gemeinde im Kirchenkreis.

Mit der Verselbständigung der Gemeinde wurde die großartige Möglichkeit eröffnet, 1993/94 ein neues Gemeindehaus mit Cafeteria und Kapellenraum zu bauen.

Im Jahre 1997 wurde die Kirche grundlegend renoviert: Unter der Leitung von Architekt Dr. Christian Schramm wurden Fassade, Dach- und Glockenstuhl und der Kirchturm saniert. Heizung, Beleuchtung und Innenanstrich wurden im Jahr 2000 erneuert.

Heute stehen sowohl der Kirchturm der alten Kirche als auch die in den 50er Jahren errichtete Kirche unter Denkmalschutz.

Michael Schönberg

 

 

 

 

 

 

 

 

Zitate entnommen aus:
(1) G.Griese, Gelsenkirchen in alter und neuer Zeit - Ein Heimatbuch, hg. vom Heimatbund Gelsenkirchen, Bd. VI 1954, 178
(2) Gemeindechronik der Kirchengemeinde Gelsenkirchen, unveröffentlicht, Gemeindearchiv; vgl. H.J.Scheil, Die Auferstehungskirche und die Geschichte ihrer Gemeinde, in: Festschrift zum 70jährigen Bestehen, 11 ff.
(3) H.G.Schmidt, Das Evangelium in Gelsenkirchen, Eine Festschrift zur Reformationsfeier 1917
(4) G.Griese, Geschichte Gelsenkirchens, Dorf, Bauerschaft und Kirchspiel Gelsenkirchen, hg. v. Heimatbund Gelsenkirchen, Gelsenkirchen 1960, 115 
(5) H.J.Scheil, Die Auferstehungskirche und die Geschichte ihrer Gemeinde, in: Festschrift zum 70jährigen Bestehen, 13
(6) G.Griese (1), 178
(7) H.D.Mittorp, Violette Erinnerungsfäden aus 50 Jahren, Paderborn 1996, 11
(8) G.Siebel, Bilder aus der Vergangenheit Heßlers. Eine Festschrift zur 25jährigen Wiederkehr der Errichtung der evangl. Pfarrstelle in Gelsenkirchen-Heßler, Gelsenkirchen 1924, 84
(9) G.Griese (4), 190f
(10) G.Griese (4), 91
(11) Gemeindebrief vom 18.9.1955
(12) H.Edelhoff, Festrede zur Einweihung des neuen Kirchsaales, 19.12.1948